Es liegt was in der Luft

Die Zeit ist etwas Magisches. Mal haben wir das Gefühl sie rast, ein anderes Mal will sie einfach nicht vorbeigehen. Was aber, wenn die Zeit uns plötzlich in andere Sphären katapultieren lassen könnte? Wenn man sich von der Zeit im wahrsten Sinne des Wortes berauschen und berieseln lassen könnte?

Auf den ersten Blick denkt man, dass es sich bei der schlichten und zugleich stylischen Kupferschale an der dunklen Wand um ein schönes Dekorationsobjekt handelt. Doch wenn man einen genaueren Blick darauf wirft, entdeckt man die zwölf kleinen, perfekt angeordneten Öffnungen am Rand der Schale, die einen schon sehr an eine klassische Uhr erinnern lassen. „Es liegt was in der Luft“ ist der passende Name der Abschlussarbeit des Designers Patrick Palcic, der an der Universität der Künste in Berlin Produktdesign studiert hat. Was zunächst für eine ganz gewöhnliche Uhr gehalten werden kann, wirft gleich schon im nächsten Moment die Frage auf, wie man wohl so ganz ohne Zeiger oder Display die Zeit ablesen soll. Mit diesem neuen und absolut genialen Ansatz eröffnet uns Palcic eine komplett neue Möglichkeit, die Zeit zu empfinden und zu erzählen. Denn die zwölf Öffnungen der Kupferschale werden jeweils mit unterschiedlichen Essenzen befüllt, und so wird jeder Stunde ein ganz individueller Duft zugewiesen. Stündlich rinnt ein Tropfen Essenz auf die vorgeheizte Kupferschale, verdampft langsam und hinterlässt dabei eine hauchzarte Oxidationsspur auf der Oberfläche. Der erste Duft schwebt im Raum.

Dieser Prozess wiederholt sich jede Stunde aufs Neue, wobei die Schale jeweils um ein Loch weiterrückt und ein anderer Duft in der Luft liegt. Die olfaktorische Uhr ermöglicht es dem Benutzer, den Lauf der Zeit auf eine andere Weise zu erfahren, denn die Zeit hängt jetzt wortwörtlich in der Luft. Man kann sie mit einem weiteren Sinn wahrnehmen und gar einatmen. In unserer heutigen schnelllebigen Zeit hängt fast alles von der Uhrzeit ab, und man hat sie ständig im Blick. Eine Zeit ohne Zahlen ist unvorstellbar. Mit dieser Uhr nimmt man jedoch jede Stunde anders und bewusster wahr. Man muss nicht erst auf die Uhr schauen, um zu wissen, wie spät es ist. Man riecht es. Mit seiner Arbeit verändert Palcic die Art und Weise, wie wir die Zeit wahrnehmen, nämlich nicht nur durch das Sehen, sondern erstmals auch mit unserem Geruchssinn.

Das Produktkulturmagazin, Ausgabe Q1 2017, Nadine Pelzer

English version press here.

Material: Kupferplatte, Erhitzer, Duftessenzen, Drehmotor

@ Universität der Künste Berlin (Bachelorarbeit), Prof. Axel Kufus, Prof. Dr. Ingeborg Harms, Prof. Andreas Bergmann, Dipl.-Des. Hanna Wiesener

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Pure Talents Award, imm-cologne

Designpreis Halle, Ausstellung „Zeit“